Kunstpause 2.0: Der Stuhl des Verrats

Karl-Heinz Liefert hat eine wunderbare Ausstellung zur 800-Jahrfeier der Gemeinde gestaltet. In der Wochenendausgabe der „Schweriner Volkszeitung“ habe ich auf der Kulturseite über seine Ausstellung geschrieben. Hier können Sie meinen Text nachlesen und noch mehr Bilder aus der Ausstellung sehen.

Karl-Heinz Liefert ist ein wahrer Zauberer. Er schafft es, dass die Dinge zu einem sprechen. Dass sie Geschichten erzählen aus der 800-jährigen Geschichte seines Heimatdorfes Gammelin. Dem er zum Dorfjubiläum mit einer wunderbar sentimentalen Sommerausstellung in der Dorfkirche ein besonders schönes Geschenk bereitet hat.

10 Dinge erzählen“ heißt die Ausstellung. Man kann sie sich als ein kleines Dorfmuseum vorstellen. Doch sie ist mehr. Denn Karl-Heinz Liefert hat den von ihm zusammengetragenen Dingen Seele eingehaucht und sie in Kunst verwandelt.

Die Slawen brauten noch kein Bier

Zum Beispiel den Holztrog gleich neben der Kirchentür. In solchen Trögen rührten die Dorfbewohnerinnen früher ihren Brotteig an. Denn das Brot buk man im Dorf. Im eigenen Lehmofen. Oder im Backhaus, das rekonstruiert wurde und noch heute von dieser Tradition kündet. Der Trog in der Ausstellung ist mit grünen Hopfenpellets gefüllt, wie sie in Brauereien verwendet werden. Hopfenblüten finden sich auch im Wappen der Gemeinde. Denn der Name des Ortes geht auf das slawische Wort „hmelin“ zurück. Es steht für den wilden Hopfen, der hier bis heute zu finden ist. Die alten Slawen, die noch gar kein Bier brauten, schätzten ihn vor allem als Heilpflanze.

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Der wilde Hopfen gab Gammelin seinen Namen. © Michaela Christen
Eindrucksvoll ist die Assemblage historischer Handwerkszeuge gleich gegenüber. Die ineinander verschachtelten Werkzeuge auf dem Fußboden der Kirche symbolisieren traditionelle Handwerksberufe, die früher im Dorf Hand in Hand mit den Bauern arbeiteten: Tischler, Stellmacher, Schuster oder Schmied schafften in Gammelin. Frei nach Fritz Reuter: „Makt ‚t Handwark die ok buten swart, holl rein de Hand und rein dat Hart.“ Karl-Heinz Liefert, der als Sohn des Gammeliner Dorfschmieds zur Welt kam, bewohnt heute wieder sein Vaterhaus mit der alten Dorfschmiede. Es befindet sich – wie könnte es anders sein – in der Schmiedestraße.

Die alten Geschichten von Krieg und Vertreibung

Vom Schlachten kündet ein weiteres Exponat der Ausstellung. Eine alte Schlachtbank mit unzähligen Hieben und Schnitten vom Zerkleinern des Fleisches hat der Künstler wie zu einem Relief aufgerichtet. Darauf ist ein sauber zertrennter Stahlhelm festgemacht. Unklar, ob sein Besitzer der großen Schlachtbank des Krieges entrinnen konnte. Der Helm indes überdauerte die Zeiten. In ziviler Verwendung. Einem Bauern des Dorfes diente er über Jahrzehnte als Getreidemaß beim Füttern seiner Tiere. Bis er sich schließlich in Kunst verwandelte.

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Die Schlachtbank voller Kerben aufgerichtet zu Relief. © Michaela Christen
Genau wie der Fluchtsack, der aus Lieferts Familienbesitz stammt. Denn seine Großmutter kam als Flüchtling aus der Neumark nach Mecklenburg. Der Sack hängt wie ein leeres Bild im Kirchenraum. Zu lesen ist darauf ein Auszug aus Christa Wolfs Roman „Kindheitsmuster“. Er beschreibt die Flucht ihrer Familie vor der Roten Armee. Beide Frauen wohnten nur 38 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt, bevor sie fliehen mussten. Im Roman heißt der Ort Bardikow und Christa Wolf schreibt: „Das Dorf war mit Leuten vollgestopft, die ihre Katastrophe überlebt und mit solchen, die keine Katastrophe bemerkt hatten. Das steigerte ihre Erbitterung gegeneinander.“

Die Schriftstellerin und die Großmutter sind nicht mehr am Leben. Und die alten Geschichten von Flucht und Vertreibung, die Verständnis für die neuen menschlichen Dramen wecken könnten, verblassen. Weil bald niemand mehr da ist, der sie selbst erinnern kann. Es sein denn, es ist große Literatur daraus geworden.

Vieles ist unwiederbringlich verloren

Im Mittelgang der Kirche versperrt ein eiserner Wagenreifen den Weg der Besucher. Er diente früher einem Storch als Nisthilfe. Viele Jahre war er im Dorf zu Hause. Seit die neue Nisthilfe direkt neben der Straße am Schulhof steht, kommt der Storch nicht mehr. Ist der Umzug Schuld? Das kann niemand mit Gewissheit sagen. Karl-Heinz Liefert stellt nur fest: „Menschen greifen immer rücksichtsloser in Öko-Systeme ein. Vieles ist unwiederbringlich verloren.“

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Der Storch ist verschwunden, die Nisthilfe bleibt leer. © Michaela Christen

War das jemals anders? Gammelins Glashütte machte zum Ausgang des 17. Jahrhunderts ihren Gründer Jacob Caspar Müller reich, erfahren wir in der Ausstellung. Die Glashütten verschlangen die Bäume des nahen Birkholzes, in dem heute wieder kräftig Bäume geerntet werden. In dem Waldstück kann man die mit grünem Waldglas durchzogenen Schlackeklumpen der Glashütte noch finden. Wenn man weiß, wo man suchen muss. Die schönsten Fundstücke sind ebenfalls in der Ausstellung zu bewundern.

Gleichzeitig berichten alte Quellen, dass Pächter des Hofes Gammelin schon im Jahr 1796 etliche Umweltauflagen erfüllen mussten: Hecken und Steinmauer müssten in gutem Zustand erhalten und gemehrt werden, hieß es im Pachtvertrag. Und der Pächter war auch verpflichtet, jedes Jahr „200 Stück Weyden zu stoßen und zum Anwuchs zu bringen“. Und dafür gab`s bestimmt keine Subventionen vom Staat.

Er trug sein Herz auf der Zunge

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Der Stuhl aus dem Dorfkrug erzählt eine Geschichte des Verrats. © Michaela Christen

Eine Geschichte des Verrats erzählt dagegen der alte Stuhl aus dem Dorfkrug. Er ist aufgebogen und wirkt wie eine menschliche Silhouette. Ein Herz aus Draht ist hinein gehängt. Karl-Heinz Liefert erinnert sich noch genau an jenen jungen Lehrer, dem er dieses Kunstwerk gewidmet hat. Er trug sein Herz im Krug zu sehr auf der Zunge und sprach aus, was viele dachten und wussten. Am nächsten Tag war sein Leben ein anderes. Er wurde aus dem Schuldienst entfernt. Er musste sich als Arbeiter in einer LPG „bewähren“. Wieder so eine Geschichte, die kaum einer im Dorf mehr kennt. Gut also, dass Karl-Heinz Liefert all die Dinge zum Reden bringen kann. Denn dieser Zauber macht Geschichte lebendig.

Bis Bald – Ihre Michaela Christen

Die Ausstellung ist noch bis 12.August in der Kirche Gammelin zu sehen. Besucher erhalten den Kirchenschlüssel bei der Pastorin Langer in der Schulstraße 6 (038850-5162) oder bei Familie Müller/Christen in der Schulstraße 17 (038850 – 204)

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