Fachmann sieht Handlungsbedarf

Waren Sie eigentlich schon mal auf der Gammeliner Streuobstwiese? Sie befindet sich am Rande der Gemeinde. Man erreicht sie über den Poetenstieg. Auf der Wiese stehen nicht nur Obstbäume, sondern auch ein großes Schild der Gemeinde. Es fasst die Zielsetzung des EU-geförderten Projektes so zusammen: WISSEN vermitteln, BEGEISTERUNG wecken, KULTURLANDSCHAFT bewahren.

Ich gehöre zu den Menschen, die solche Zielsetzungen ernst nehmen. Ich freue mich, dass Gammelin die Streuobstwiese hat. Und ich ärgere mich, weil sie von der Gemeinde recht lieblos behandelt wird. Mehrfach schon wurde in der Bürgerfragestunde des Gemeinderats der mangelhafte Pflegezustand der Streuobstwiese kritisiert. Nach Aussage des Bürgermeisters bestünde dort kein Handlungsbedarf.

Deshalb habe ich einen Fachmann gebeten, sich die Wiese anzusehen. Er heißt André Beutler-Koch, ist studierter Diplom-Biologe und zertifizierter Obstgehölzpfleger. Er hat ein Gutachten über den Gammeliner Streuobstbestand geschrieben, das ich Ihnen heute vorstellen möchte.

Aus dem Gutachten habe ich viel gelernt über Streuobstwiesen. „Noch im ausgehenden 19. Jahrhundert gab es in Deutschland allerorten Baumwarte, welche sich mit der Pflege und dem Erhalt von Obstbäumen hauptberuflich beschäftigten“, sagt er. „Die Technik der Veredelung von Sorten auf andere Bäume gehörte bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zum Allgemeinwissen im ländlichen Raum. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass sich deutschlandweit weit mehr als 2000 Apfelsorten finden lassen.“ Heute zählen Streuobstwiesen zu den Hotspots der Artenvielfalt. Dazu reicht es aber nicht aus, „einfach nur Bäume in die Landschaft zu stellen und auf Artenreichtum zu warten. Gerade in der Jungbaumerziehung, von der Pflanzung bis zum Beginn der Ertragsphase bedarf es einer regelmäßigen Pflege der Bäume.“

Unter diesen Prämissen hat sich der Biologe in Gammelin umgeschaut. Positiv wird der Wildschutzzaun vermerkt, negativ der Pflegerückstand des Obstbaumbestandes. Der Experte sieht erheblichen Handlungsbedarf. Dazu gehören:

Abgerissene Anbindungen zur Sicherung der Jungbäume: Die Bäume sollten wenigstens bis zum fünften Standjahr mittels Pfähle und Kokosstrick gesichert werden. Erst dann hat sich das Wurzelwerk, optimale Pflege vorausgesetzt, so weit entwickelt, dass es die Jungbäume auch bei stärkeren Stürmen standsicher hält.

Keine Pflege der Baumscheiben: Im Bestand ist eine mangelnde Pflege der Baumscheiben zu erkennen. Sicher kann bei Obstgehölzen, welche neu gepflanzt werden, bei optimalen Bedingungen auch ohne die Pflege der Baumscheibe ein gutes Anwachsen gewährleistet sein. Doch in Hinblick auf die vergangenen, als klimatisch extrem zu betrachtenden Jahre, scheint die Pflege der Baumscheibe unerlässlich.“

Fehlender Baumschnitt: In jedem Falle ist es wichtig, dass die jungen Obstgehölze bei bester Versorgung und Wachstumsbedingungen einen jährlichen Baumschnitt erfahren. Dies beginnt im besten Falle mit dem Pflanzschnitt und in den folgenden Jahren mit dem Erziehungsschnitt. Der Erziehungsschnitt sollte bis zum achten bis zehnten Standjahr der Bäume fortgesetzt werden. Bei dem Baumbestand in Gammelin ist weder ein Pflanzschnitt noch ein jährlicher Erziehungsschnitt zu erkennen. Dies führt in den kommenden Jahren, sobald die Bäume anfangen Früchte zu tragen, unweigerlich zur Überlast der Bäume.“

Bewirtschaftungsweise durch Mulchmahd fördert Artenvielfalt nicht: Bei einer Mulchmahd, wie am Standort Gammelin offensichtlich durchgeführt, werden dem Standort keine Nährstoffe entzogen. Durch Niederschläge werden weitere Nährstoffe auf den Standort aufgebracht. Ein Artenreichtum an Pflanzen lässt so nicht entwickeln.“

Der Gutachter empfiehlt eine extensive Bewirtschaftung – Mahd, Beweidung oder eine Kombination aus beidem. Auch könnten hier gemeinsam mit den Schulkindern ähnlich wie im Schulwald Insektenhotels aufgestellt werden.

Ich hoffe, dass diese Expertenmeinung die Diskussion um unsere Streuobstwiese in der Gemeindevertretung voranbringt. Deshalb habe ich das Gutachten auch an die anderen Gemeindevertreter*innen und den Bürgermeister geschickt. Noch steht das Thema nicht auf der Sitzung der nächsten Gemeindevertretung, die am 28. November 2019 um 19.30 Uhr stattfindet.

Bis bald. Ihre Michaela Christen

1 Kommentar zu „Fachmann sieht Handlungsbedarf

  1. Sehr interessant. Da habe ich gleich noch etwas für unseren Garten gelernt. Streuobstwiesen können doch auch gefördert werden. https://www.streuobstgenussschein-mv.de/foerderung/

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