Potemkinsche Dörfer

Liebe Leserin, lieber Leser!

Heute lesen Sie einen Gastbeitrag von Günter Müller. Er lebt seit über 40 Jahren in Gammelin, arbeitet als freischaffender Künstler im Dorf und hat sich schon zu DDR-Zeiten gemeinsam mit Gleichgesinnten für den Schutz und die Pflanzung von Bäumen in der Gemeinde eingesetzt. Wir sind miteinander verheiratet. Hier also sein Beitrag:

Die Legende berichtet, dass Feldmarschall Potemkin 1789 den Reiseweg der russischen Zarin Kathrina mit bemalten Kulissen von ganzen Dörfern geschmückt haben soll, ihr so blühende Landschaften vorzugaukeln. Die DDR-Oberen haben ähnlichen Unfug betrieben. Sie ließen Fassaden anmalen und in unbewohnbaren Häusern Fenster mit Gardinen schmücken, wenn der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker auf  Besuch vorbeifuhr.  Gezuckerte  Attrappen , falsche Tatsachen, beeindruckend, aber ohne Substanz.

Gammelin wird seit der 800-Jahrfeier von einer ähnlichen Erfindung geziert: Eine doppeltürmige Kirche, fachmännisch gemacht, aus hochwertigen Materialien hergestellt, steht an der Kreuzung nach Hülseburg fest verankert im Boden, ist mit Stahlseilen gesichert und versperrt Autofahrern die Sicht. 

Das Jubelfest ist seit Monaten Geschichte, der Anlass für ein solches Schmuckstück somit erledigt, nicht aber für die Kulisse, scheint es. Wie lange soll sie eigentlich noch stehen bleiben? Mitorganisatoren der Feier konnten keine Auskunft geben, auch der Bürgermeister ließ sich trotz offizieller Anfrage zu keiner Antwort hinreißen.

Die wäre aber wichtig. Denn was will uns diese Jubelkulisse im Jahr 2020 eigentlich sagen? Dass 2019 der absolute Höhepunkt der ruhmreichen Gammeliner Geschichte war? Oder huldigt das kreative Unding für alle Zeit die heutigen Oberen für die hohe Kunst ihres Regierens.

Natürlich kann man auch über Geschmacksfragen trefflich streiten. Aber dann sollte es dazu Gelegenheit geben, bevor solche Ungetüme aufgestellt werden! Mein Wunsch für‘s neue Jahr: Die Potemkinsche Kulisse am Dorfrand möge bitte schnell wieder verschwinden.

Günter Müller           

4 Kommentare zu „Potemkinsche Dörfer

  1. Ehrlich. Auf jemanden wie mich, der nicht in Gammelin bzw. nichtmal *auf dem Land* wohnt, wirkt so ein Bericht natürlich komplett abstrus- Vielleicht werden Sie die Kulisse ja doch 2020 wieder los- 😅

    VVN

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  2. Thomas Karsten 24. Januar 2020 — 15:04

    Frau Christen was stört sie denn so an dem Aufsteller? Er versperrt niemandem die Sicht und er steht als Symbol dafür, dass Gammelin bereits 800 Jahre alt ist. Sind sie schonmal durch Viez gefahren? Dann haben sie bestimmt das Holzschild an der Bushaltestelle gesehen. Auf diesem Schild steht auch nicht 2020 oder 2019 drauf und es hat auch noch niemand umgetauscht. Ich verstehe nicht über was sie sich immer aufregen und was für Gründe sie sich dafür suchen. Können sie auch über schöne Veränderungen in unserem Dorf schreiben?

    PS: Schönes Bild oben 😉

    LG Thomas Karsten

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    1. Erstmal wurde der besagte Beitrag ja nicht von der Frau Christen verfasst- (!)

      Ansonsten, womit Sie natürlich nichts zu tun haben, dachte ich eben: „Wurde *für den Aufsteller* vielleicht die Eiche gefällt?!“ 😂

      Düsterer Humor, ich weiß- Ein entspanntes Wochenende Ihnen allen wünscht: VVN

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      1. Kastanie. Verzeihung. Kastanie! 😉

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