Ein Dorf zum Altwerden?

Liebe Leserin, lieber Leser!

Manchmal denke ich: Den Werbeleuten fällt auch nichts Neues mehr ein. Die Werbekampagne für unser Bundesland heißt  „Land zum Leben“ . Schwerin wirbt als „Lebenshauptstadt“ um Fachkräfte. Und unser Landkreis kämpft neuerdings unter dem Motto „LUP lebengegen Bevölkerungsrückgang und drohende Vergreisung.

Die Kampagne „LUP leben“ wurde unlängst auf dem Neujahrsempfang des Landkreises im Kulturhaus Mestlin vorgestellt. Das einstige DDR-Musterdorf mit heute 767 Einwohnern ist hervorragend geeignet, um solche Zukunftsfragen zu diskutieren, inmitten einer überdimensionierten und gleichzeitig denkmalgeschützten Infrastruktur, zu der auch das Kulturhaus zählt. Und unabhängig davon, wie originell man das Motto „LUP leben“ findet, die Fragestellung ist goldrichtig: Was muss getan werden, damit unsere Städte und Dörfer lebenswert sind und bleiben?

Filmbeitrag von TV-Schwerin zum Neujahrsempfang des Landkreises LUP

Warum wird gerade jetzt darüber diskutiert? Weil es eine neue Bevölkerungsprognose für Mecklenburg-Vorpommern gibt, die den demografischen Wandel offenkundig macht. Danach sinkt die Einwohnerzahl unseres Landkreises in den kommenden 20 Jahren unter 200.000 (minus 7 Prozent), während sich der Anteil der über 75-Jährigen mehr als verdoppelt (auf 21,2 Prozent). Den Altkreis Hagenow trifft es dabei mit einem Minus von 2,2 Prozent weniger hart als andere Regionen im Landesinneren wie etwa den Altkreis Parchim.

Wir werden weniger und älter – das stellt jede einzelne Gemeinde vor Herausforderungen. Was heißt das für die Siedlungsentwicklung und die öffentliche Infrastruktur? Sollen sich Dörfer dem Bevölkerungsschwund entgegenstemmen und weiter neue Baugebiete ausweisen, um Familien auf die Dörfer zu locken? Oder sind Bestandssicherung und Umbau angesagt, um in den Orten komfortablen Wohnraum für Senioren und generationenübergreifende Wohn- und Betreuungsformen zu schaffen?

Was heißt das für unsere Grundschule? Die Gemeinde plant hier gerade eine neue Turnhalle für mindestens 1,7 Millionen €, die auch von Sportvereinen der Umgebung genutzt werden soll. Ist diese Investition zukunftsfähig, wo doch eigentlich nur ein weiterer Klassenraum fehlt? Und wenn sie gebaut wird: Mit welchen Funktionen müsste die Halle ausgestaltet werden, damit möglichst viele Bewohner der Gemeinde sie nutzen können – auch die, die keine Sportskanonen sind?

Wie werden Pflege und ärztliche Versorgung auf den Dörfern gesichert? Wie lassen sich Ärzte aufs Land locken, wenn man sie nicht einmal für eine Kinderstation im Krankenhaus Parchim gewinnen kann? (Auch hier zeigt die Gemeinde Mestlin originelle Wege auf.) Ist Telemedizin der Ausweg? Oder Nachbarschaftshilfe in der Pflege?

Reicht es, alle Bushaltestellen barrierefrei umzubauen und Bordsteine abzusenken? Oder ist Barrierefreiheit viel umfassender zu verstehen – als Teilhabemöglichkeit für alle Dorfbewohner am gesellschaftlichen und kulturellen Leben. Mit dem Dorfclub, den Sportfrauen, der Kirchengemeinde und der Freiwilligen Feuerwehr gibt es in Gammelin einige Möglichkeiten der Begegnung und Betätigung. Trotzdem bleibt die Frage: Wie führt man Nachbarn zusammen, die sich gar nicht mehr kennen, weil sie als Pendler überwiegend zum Schlafen ins Dorf kommen? Wo sind die Treffpunkte für das lockere Dorfgespräch, wenn man auf der Straße und am Gartenzaun niemandem mehr begegnet und der Dorfkrug auch geschlossen hat?

Wird die Digitalisierung dazu führen, dass sich mehr wirtschaftliche Aktivitäten aus den teuren Ballungsräumen der Metropolen aufs platte Land verlagern? Reichen Glasfaserkabel und Breitbandausbau, um anziehend für kreative Menschen zu sein, wenn es das schnelle Internet dann überall gibt?

Müssen die Dörfer mehr zu Orten kultureller Betätigung und Begegnung werden? Und fehlt es hier nicht generell an öffentlicher Wertschätzung und Förderung? Für Kulturprojekte stellt der Kreis LUP 2020 nur 100.000 € – also weniger als 0,50 Cent pro Einwohner – bereit, steht in der Broschüre „LUP leben“. Zum Vergleich: Allein durch die neue Infrastrukturpauschale werden den Gemeinden pro Jahr und Einwohner 40 € mehr zur Verfügung gestellt (- und alle Bürgermeister jammern, dass das noch zu wenig ist!)  

Kunst und Kultur sind so genannte „freiwillige Leistungen“ der Kommunen. Sie sollten aber trotzdem kein Privatvergnügen sein, das Kulturschaffende weitgehend auf eigenes wirtschaftliches Risiko veranstalten müssen – wie das immer wieder gern gepriesene Pfingst-Event „Kunst offen“.

Das Landleben hat heutzutage mit der Dorfidylle der Hochglanzzeitschriften wenig zu tun. Von wegen „Landlust“! Unsere Siedlungen sind umgeben von einer hocheffizienten industriellen Landwirtschaft. Monokulturen statt Artenvielfalt. Massentierhaltung statt Streichelzoo. Riesige Felder statt Feldhecken. Ist das Lebensqualität?

Die mit Steuergeldern hoch subventionierte Agrarwirtschaft belastet mit ihrer Produktionsweise Natur und Umwelt, bietet den Landbewohnern aber im Vergleich zu früheren Zeiten kaum noch Arbeitsplätze vor der Haustür. Ein ökologischer Umbau könnte hier viel Positives bewirken. Gemeinden wie Gammelin, die Acker und Grünland verpachten, können hier Gestaltungsspielräume nutzen, geförderte Blühstreifen und Heckenpflanzungen von ihren Pächtern einfordern. Gammelin tut das bisher nicht. Und leider wird die Daseinsvorsorge für unsere natürlichen Lebensgrundlagen in der Kampagne „LUP leben“ ebenfalls ausgeblendet.

Ist Gammelin ein Dorf zum Altwerden? Was meinen Sie?

Auf Ihre Kommentare und Meinungen freut sich – Ihre Michaela Christen

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