Eine Demokratie, in der nicht gestritten wird, ist keine

Liebe Leserin, lieber Leser!

Eigentlich war das Thema Kastanie für mich erledigt. Zum einjährigen Jubiläum des Kettensägenmassakers am Brennerweg, bei dem der alte Baum unwiederbringlich zerstört wurde, wollte ich das Thema letztmalig behandeln. Fazit meines Artikels vom 23. Januar 2020: „Aus Mangel an Beweisen“ wird niemand für den Baumfrevel zur Verantwortung gezogen, auch weil die beteiligten Ämter daran offenkundig kein Interesse haben.

Doch jetzt muss ich noch einmal auf die Kastanie zu sprechen kommen. Denn mich hat schon vor einiger Zeit eine zweite Anzeige der Kriminalpolizei erreicht. Sie wurde ebenfalls im Februar gestellt. Diesmal nicht vom Bürgermeister Kebschull, sondern von Udo Brummund. Wieder lautete der Tatvorwurf Verleumdung.

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Das fand ich erstaunlich. Der Name Udo Brummund tauchte in keinem meiner Artikel auf. Verleumdet sah er sich, weil ich folgendes geschrieben habe: „Aber der Baum sollte weg. Denn es ging nicht um Sicherheit. Es ging um die Verschattung der Dachfläche eines Anwohners.“

Eigentlich wollte ich Udo Brummund gar nicht in die Auseinandersetzung hineinziehen. Jeder Bürger kann ja vom Bürgermeister fordern, was er will. Ich möchte z.B. gern, dass in der Gemeinde Container für den Grünschnitt aufgestellt werden, damit nicht jeder in seinem Garten sein eigenes Feuer anzündet – das wird aber vom Bürgermeister und von der Mehrheit des Gemeinderats abgelehnt.

Udo Brummund wollte, dass die große Kastanie vor seiner Haustür gefällt wird. Sein persönliches Anliegen wurde von seinem Bürgermeister“ unterstützt und behördlich geprüft. Es gab zwei Baumgutachten. Die Naturschutzbehörde lehnte die Fällung ab. Herr Brummund schrieb Beschwerdebriefe an den Landrat. Sie kennen den weiteren Verlauf der Geschichte oder können sie gern noch einmal nachlesen.

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Der Brennerweg nach der Köpfung der Kastanie. © Michaela Christen

Es gab starke Indizien, dass hier nicht rechtmäßig gehandelt wurde. Dass ebenjener Anwohner, der mich wegen Verleumdung angezeigt hat, vom Verschwinden der Baumkrone profitierte, ist aber offenkundig. Er hat bekommen, was er wollte. Herr Brummund hat sich dafür sogar öffentlich beim Bürgermeister bedankt. 

Dass er mir nun auch noch verbieten will, meine Meinung über das Geschehen am Brennerweg zu äußern, finde ich dreist. Die Staatsanwaltschaft Schwerin hat die Strafanzeige abgeschmettert. Am 27. Juli wurde mir mitgeteilt, dass das Ermittlungsverfahren eingestellt wurde. Es gibt keinen „hinreichenen Tatverdacht“ für eine Verleumdung.

An dieser Stelle noch einmal zum Mitschreiben für den Bürgermeister: Meine persönlichen Äußerungen als Bürgerin, Journalistin und Gemeindevertreterin sehe ich durch die Presse- und Meinungsfreiheit garantiert. Ich beleidige niemanden, lasse mich aber auch nicht beleidigen, nur weil ich die Welt anders sehe als Herr Kebschull und seine Entscheidungen hinterfrage. Kritik an Handlungsweisen von Bürgermeistern und Behörden sind in der Demokratie erlaubt und sogar erwünscht. Wie sagte schon Helmut Schmidt: „Eine Demokratie, in der nicht gestritten wird, ist keine.“

Die Anzeige des Herren Brummund bei der Kriminalpolizei betrachte ich daher genau wie die Anzeige des Herrn Kebschull beim Staatsschutz als plumpe Einschüchterungsversuche. Man möchte wohl gern ein Exempel statuieren, um Kritikern den Mund zu verbieten. In China mag das klappen, hier nicht. Dennoch muss ich an dieser Stelle konstatieren: In meinem bisherigen Leben war ich noch nie derart massiven Einschüchterungsversuchen ausgesetzt wie in dem einen Jahr als Gemeindevertreterin in Gammelin! Leider kann ich inzwischen gut verstehen, warum manche Menschen Wut und Ohnmachtsgefühle gegen „den Staat“ entwickeln und warum die meisten Mitmenschen sich wegdrehen, wenn es um Kommunalpolitik geht.

Genießen Sie den Sommer und immer schön vorsichtig beim Grillen…

Ihre Michaela Christen

1 Kommentar zu „Eine Demokratie, in der nicht gestritten wird, ist keine

  1. Einschüchterungsversuche
    Ich möchte dem Kommentar von Herrn Reck uneingeschränkt zustimmen.
    In der Bundespolitik wird sich beschimpft, wahre und unwahre Vorwürfe gemacht, Behauptungen aufgestellt u. widerlegt.
    Zum Schluss wird aber einfach wieder miteinander geredet u. weitergearbeitet!
    Nicht so in Gammelin!
    Hier wird man abgestraft, der Bürgermeister und ein Mitglied des Schattenkabinetts „Interessierte Bürger“ verweigern dann schnell einmal verschiedenen Bürgern den Handschlag.
    Ein kritischer Kommentar wird angezeigt.
    Man hat überraschend eine Nachfrage von einer Behörde, die sich dann als haltlos herausstellt!
    Das ein Mitglied des Gemeinderats angezeigt wird, weil das verschandeln der Kastanie angeprangert wurde u. evtl. Gründe genannt wurden ist einfach nur armselig.
    Aus welcher Zeit stammen diese Verhaltensmuster und wer zieht hier die Notbremse?
    Anwohner des Brennerwegs und die Benutzer haben vor der Verstümmelung der Kastanie gesehen, dass Herr Brummund Halterungen für eine Solaranlage installiert hatte und die Module erst nach der bedauerlichen Baumbearbeitung installiert wurden. Es ist darum doch erlaubt sich Gedanken über die Beweggründe zu machen.
    Immer wieder fragt man sich: Was denken die anderen Gemeinderatsmitglieder oder der Amtsvorsteher über diese Verhaltensmuster? Wäre dies ein Fall für den Bürgerbeauftragten?
    Ich wünsche der Kastanie, dass sie die Verstümmelung übersteht und sie besonders kräftig nachwächst.
    Einen herrlichen Sommer wünscht
    Uwe Westphal

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