Der Fluch der guten Tat

Das Gegenteil von gut ist nicht böse. Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Ein anschauliches Beispiel aus der Praxis liefert uns der barrierefreie Umbau der Bushaltestelle an der Hauptstraße in Gammelin. Ziel der guten Tat ist es, allen Menschen mit Handicap die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs zu ermöglichen.

Bis 2022 muss der Öffentliche Personennahverkehr in Deutschland barrierefrei sein, einschließlich der Haltestellen. Das hat die Bundesregierung schon 2013 festgelegt. Im Durchschnitt kostet der Umbau einer jeden Haltestelle etwa 44.000 €, hat das Amt Hagenow-Land anhand einer Musterhaltestelle berechnet.  Die Umgestaltung wird vom Land mit bis zu 80 Prozent großzügig gefördert.

Doch was dabei manchmal herauskommt, ist das Gegenteil von gut. Im letzten Jahr wurde vor dem Gasthaus zum „Hahn“ für die Busparktasche der Bürgersteig abgesenkt. Es handelt sich dabei laut Fahrplan um eine Haltestelle, an der der Bus der Linie 555 nur einmal am Tag hält. Werktags um 6.21 Uhr.

Der Bus hält hier werktags einmal am Tag. © Michaela Christen

Der Umbau hatte allerdings einen nicht beabsichtigten Nebeneffekt. Autos können dort jetzt ungehindert auf den Gehweg fahren. Sie werden aus Bequemlichkeit direkt vor dem „Hahn“ auf dem Gehweg oder in der Bushaltestelle geparkt. Beides ist verboten.

Der Fluch der guten Tat: Für die barrierefreie Haltestelle, die nur einmal täglich angefahren wird, muss man jetzt regelmäßig auf dem Gehweg Slalom laufen. Für mobilitätseingeschränkte oder sehbehinderte Menschen, für Fußgänger oder Eltern mit Kinderwagen stellt das Gehwegparken eine echte Behinderung dar.  Ein barrierefreier Fußweg ist das nicht mehr!

Neulich habe ich eine Dame angesprochen, die ihr Auto gerade abstellen wollte. Ihr sei gar nicht bewusst, dass sie in der Bushaltestelle parkt. Tatsächlich ist es auf den ersten Blick schlecht zu erkennen, wo die Haltestelle beginnt und wo sie endet. Das Haltestellenschild *) steht leider nicht wie vielerorts üblich mittig in der Haltestelle.  

Man könnte ja ein Parkverbotsschild aufstellen, um das Parken zu unterbinden, war die Anregung des Gemeinderats an das Amt. Das ist nicht möglich, teilte das Amt mit. Begründung: Was schon verboten ist, muss nicht noch einmal verboten werden. Oder im Amtsdeutsch: Da das Parken dort rechtswidrig ist, kann es keine zusätzliche verkehrsrechtliche Anordnung für ein Parkverbot an dieser Stelle geben.

Stattdessen wurden stichprobenartige Kontrollen des Ordnungsdienstes in Aussicht gestellt. Zusätzlich könnten die Bürger Parksünder fotografieren und melden und sich als Zeugen für das Knöllchen-Verfahren bereithalten. Gut gemeint. Aber vielleicht sollten wir zuerst einmal das Haltestellenschild besser platzieren.

Ich wünsche Ihnen schöne coronafreie Herbstferien – Ihre Michaela Christen

Anmerkung:

*) Gemäß Anlage 2 der St‌VO dürfen Kraftfahrer 15 Meter vor und hinter einem Haltestellenschild nicht par‌ken. Demzufolge herrscht zwar direkt an einer Bushaltestelle ein Parkverbot. Man darf allerdings hinter oder vor einem Haltestellenschild par‌ken, wenn der Abst‌and von 15 Metern eingehalten wird.

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